Der Wochenrückblick

Stolpernde Schranzen

Woran Merkels Personalauswahl so unerwartet scheitert, und warum uns ein Juso nicht interessiert

Hans Heckel13.02.2021

In Berlin bricht langsam Panik aus. Es ist dermaßen viel verbockt worden, dass selbst die pflichtbewussten Staatsmedien das epochale Versagen nur noch mit Mühe unter den Teppich ihrer „kritischen Berichterstattung“ kehren können. Sogar die Kanzlerin gerät ins Schwitzen und keilt in ihrer Not ausgerechnet gegen ihren treuen Wirtschaftsminister Peter Altmaier aus. Der hatte auf seiner Flucht vor der Verantwortung versucht, die Schuld für die Misere mit den „November-“ oder „Überbrückungs-Hilfen“ den Landesregierungen zuzuschieben.

Die gingen sofort in die Luft. Schließlich sei es Altmaiers Haus, das die Programmierung der Zahlungsmechanismen nicht hinbekomme. Darauf zog Merkel den Kopf ein, statt sich vor ihren Minister zu stellen, und bemerkte ebenfalls spitz, dass sie nicht verstehe, „dass da immer noch programmiert werden muss“. So geht es munter hin und her, drunter und drüber, während draußen im Land die Unternehmen absaufen.

Merkel kommt jetzt ihre eigene Personalauswahl in die Quere, was erstaunen muss. Die Kanzlerin selbst am allermeisten: Schließlich hat ihr System anderthalb Jahrzehnte lang glänzend funktioniert. Überall Ja-Sager und blasse Hofschranzen hinsetzen, die niemals allein auf den Beinen stehen könnten – ohne die Stütze der Chefin also. Solche Leute werden der Führung nie gefährlich und haben immer nur die Meinung, die am Kopfe des Tisches vorgegeben wird, denn sie wissen: Sobald ihnen die Huld ihrer Herrin verloren geht, sind sie geliefert.

Allerdings geht das nur solange gut, wie nicht jeder Einzelne gefordert wird und an seinem Platz kompetent zupacken muss, weil das Problem so groß und vielschichtig geworden ist, dass jeder gebraucht wird und Schlafmützigkeit unentrinnbar auffliegt. Genau das aber ist mit der Corona-Krise eingetreten.

Hinzu kommt, dass sich Inkompetenz, dem Gesetz vom Fisch, seinem Kopf und dem Gestank folgend, von der Spitze eines Organismus irgendwann nach unten durchfrisst. Das gilt natürlich auch für ein Wirtschaftsministerium, wo sie dann auf der Arbeitsebene nicht einmal mehr in der Lage sind, ein Rechnerprogramm in die Spur zu bringen.

Das Gleiche erleidet Merkel von Seiten der EU, wohin sie ihren Schützling Ursula von der Leyen bugsiert hat, nachdem die Frau schon die Bundeswehr zerrüttet hatte. Von der Leyens Leistungen im Wehrressort hatten die Kanzlerin so sehr überzeugt, dass sie sich sagte: Die Frau ist dermaßen panne, die kann ich von Berlin aus fernsteuern. Und wenn sie scheitert, bin ich’s nicht gewesen. Perfekt!

Beim Impfen ist der Trick jedoch fehlgeschlagen. Denn bedauerlichweise sickerte Merkels Rolle beim Wegschieben der Verantwortung für den Impfstoff-Kauf zur Öffentlichkeit durch. Nun hat sie den Schaden selbst und kann nicht einmal jemand anderen opfern.

Himmel noch mal, wie kommt man da nur wieder raus? Nicht verzagen: Immer wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Diesmal kommt es von Merkels Lieblingspartei, den Grünen. Deren Fraktionschef Anton Hofreiter zeigt einen Ausweg aus dem Schlamassel, der sich in der Geschichte schon eindrucksvoll bewährt hat: Maximal absurder Größenwahn!

Hofreiter hat erkannt: Scheitern im Kleinen und Konkreten fällt den Leuten auf, weil sie genau überschauen können, was läuft – oder, um genauer zu sein: was eben nicht läuft. Dann hagelt es Fragen, dann gibt es Kritik, ganz schrecklich.
Drehst du aber das ganz große Rad, verlieren die Bürger den Überblick. Dann sind sie wieder still, und darum geht es dem Politiker schließlich: Das „Volk“ stört nur und soll den Rand halten.

So also stellt Hofreiter erst einmal fest, „dass uns überhaupt nicht geholfen ist, uns beim Impfen nur auf Europa zu konzentrieren“. Stattdessen müssten wir „weltweit impfen“, und Deutschland müsse das „mit auf den Weg bringen“, tut der Grüne in der „Welt“ kund. Ein Land also, dessen Gesundheitsämter in Zettelkästen wühlen und das nach anderthalb Monaten Impferei bei der Zahl der Geimpften weiter im unteren einstelligen Prozentbereich – weit abgeschlagen im internationalen Vergleich – vor sich hin murkelt, soll die Impfung der ganzen Menschheit „mit auf den Weg bringen“. Sonst bringt es nichts.
Wer das für bare Münze nimmt, der kann nur resignieren. Danach fällt jede Wut auf das Impfversagen der Bundesregierung von ihm ab, denn er „erkennt“: Es hat ohnehin keinen Zweck. Das mit der ganzen Welt kriegt eh keiner hin, also ist alles egal. Lassen wir sie in Ruhe weiterstümpern in Berlin und Brüssel.

Für junge, dynamische Menschen ist dieses Dahindösen allerdings nicht sonderlich attraktiv. Sie drängen zur Tat, wie Bengt Rüstemeier, eben noch Juso-Funktionär und (bei Redaktionsschluss immer noch) Mitglied im Akademischen Senat der Berliner Humboldt-Universität. Im Netz postete er: „Jungliberale erschießen, wann?“ Und: „Ein Vermieterschwein persönlich zu erschießen, kann hilfreich sein.“ Auch über den gewaltsamen Tod von Amazon-Gründer Jeff Bezoz würde sich Rüstemeier sehr freuen, wie er kundtat.

Später entschuldigte sich der Mann für den Eintrag, trat von seinen Juso- und SPD-Ämtern zurück und erklärte: „Ich lehne Gewalt gegen Menschen als Mittel der politischen Auseinandersetzung strikt ab.“ Ja, genauso hat sich das auch angehört.
Aus Kreisen der Linkspartei-Jugend kam indes freundliche Unterstützung für Rüstemeier. Aber in deren Mutterpartei hatte man ja schon auf einer Strategiekonferenz im vergangenen März darüber sinniert, das eine Prozent der Reichen nach der Revolution zu erschießen, was Parteichef Bernd Riexinger mit dem Vorschlag zurückwies, der Einsatz für „nützliche Arbeit“ täte es ja auch. Mit anderen Worten: Genossen, der Gulag lebt in unseren Herzen weiter!

Insgesamt blieb das Medienecho auf Rüstemeiers robusten Netz-Eintrag recht lau. Vielleicht dachten die meisten, dass er mit seinen 21 Jahren ja auch noch recht jung sei, insbesondere diejenigen, die das Wahlrecht am liebsten schon 14-Jährigen überreichen würden.

Die Wahrheit ist: Rüstemeier ist für den ganz großen Auftrieb einfach in der falschen Partei. Man stelle sich vor, ein Gleichaltriger von der „Jungen Alternative“ hätte etwas nur annähernd so Blutrünstiges gepostet. Da wäre was los gewesen! In den Talkshows hätten wir Endlosdebatten über die Frage hören können, wie weit die „rechte Gewalt unsere Gesellschaft bedroht“, denn selbstverständlich wäre der Gewalt-Phantast nur „die Spitze des Eisbergs“. Verfassungsschutzchef Thomas Haldenwang wäre der Vorfall mindestens einen „Anhaltspunkt“ wert gewesen, und jeder Vertreter einer etablierten Partei, der während der vergangenen acht Jahre mit einem AfD-Mitglied zusammen gesehen wurde, müsste um seine Karriere fürchten.

Aber nun war es halt ein Sozi. Schade, passt nicht. Also rasch zum nächsten Tagesordnungspunkt. paz