Wenn das Ergebnis immer schon vorher feststeht

Wenn es zu warm ist, liegt es am Klimawandel - und wenn es zu kalt ist, auch: Stefan Rahmstorf vom Postdamer-Institut für Klimafolgenforschung
Frédéric BatierWenn es zu warm ist, liegt es am Klimawandel – und wenn es zu kalt ist, auch: Stefan Rahmstorf vom Postdamer-Institut für Klimafolgenforschung

Zeitgeschehen

Wenn das Ergebnis immer schon vorher feststeht

Wie sich in aktuellen Debatten Politiker und Wissenschaftler die Fakten so zurechtlegen, dass man nicht mehr dagegen argumentieren kannRené Nehring17.02.2021

So gewinnt man immer: Als in der vergangenen Woche starke Schneefälle über das Land zogen und die Temperaturen tagelang unter Null blieben, kam schnell die Frage auf, wie sich dies mit der These vom menschengemachten Klimawandel vertrage.
Eine Antwort lieferte Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Dieser verwies nicht etwa darauf, dass das Wetter dem entsprach, was noch vor wenigen Jahren als normaler mitteleuropäischer Winter galt. Vielmehr erklärte er gegenüber der dpa die Kältewelle als Folge eines instabilen Polarwirbels, wodurch die Kaltluft, die normalerweise in dem Wirbel über dem Nordpol gefangen ist, auf die angrenzenden Kontinente ziehen konnte. So weit, so gut.

Bedenklich ist jedoch Rahmstorfs Erklärung für die Instabilität des Polarwirbels. Diese, so der Wissenschaftler, sei wahrscheinlich auf die starke Erwärmung der Arktis und die Abnahme des Meereises dort zurückzuführen. Mit anderen Worten: Der Klimawandel ist nicht nur schuld, wenn es zu warm ist – sondern auch, wenn es zu kalt ist. Gegen diese Art von Argumentation kann man nicht gewinnen.

Nach einem ähnlichen Muster verfährt seit Monaten auch die Politik in der Begründung der Corona-Maßnahmen. Wenn die Zahl der Positivtestungen steigt, gilt dies als Beleg für die Gefährlichkeit des Virus. Sinken jedoch die Zahlen, heißt es, wir müssten weiter auf der Hut sein, weil das Virus noch immer gefährlich sei.

Als Beleg für die anhaltenden Gefahren werden regelmäßig die Corona-Mutationen in Großbritannien, Irland, Südafrika, Brasilien und Portugal angeführt. Allerdings gehen in all diesen Ländern die Infektionskurven seit Wochen steil nach unten. In Großbritannien etwa von 68.053 neuen Fällen am 8. Januar auf 9765 Fälle am 15. Februar und in Irland von 6886 Fällen am 10. Januar auf 820 Fälle am 15. Februar. In Brasilien, wo die Zahlen stärker schwanken, war der Höchstwert mit 69.198 neuen Fällen am 15. Januar erreicht, am 15. Februar wurden hier 32.197 Fälle erfasst. Und in Südafrika sank die Zahl der registrierten Fälle von 21.980 am 8. Januar auf 1102 am 15. Februar. Die Daten sind im Internet mühelos überprüfbar.

Ungedeckte Behauptungen
Während also Politik und Medien täglich vor dramatisch erhöhten Ansteckungszahlen infolge von Virusmutationen warnten – und damit nicht zuletzt die Verlängerung des Lockdown begründeten – sind in den genannten Ländern die tatsächlichen Fallzahlen dramatisch gesunken. Selbst in Portugal, wo noch am 28. Januar 16.432 neue Fälle registriert wurden, wurden am 15. Februar nur mehr 1303 positive Corona-Tests erfasst.

Dass beide Themen auch gut in eine Geschichte passen, zeigte vor wenigen Tagen die „Zeit“. Diese befragte die Virologin Sandra Junglen von der Charité über die Zusammenhänge von Coronavirus, Artensterben und Klimawandel. Die Kernaussage des Interviews, auf „zeit.de“ nachzulesen, lautet: „Und ganz praktisch gesprochen: Wer Pandemien verhindern will, muss ursprüngliche Ökosysteme wie den Regenwald erhalten, denn die Zerstörung von Ökosystemen und der damit einhergehende Verlust der Artenvielfalt begünstigen neuartige Infektionserkrankungen.“

Bei Argumentationen wie diesen wird zumindest deutlich, warum manche Wissenschaftler so vehement verneinen, dass das Virus aus einem chinesischen Labor stammen könne, obwohl China bis heute die Herausgabe von Rohdaten über die ersten Corona-Fälle an die WHO verweigert. Denn bei der Herkunft aus einem Labor würden Thesen wie die vom Zusammenhang von Klimawandel und Pandemie sofort in sich zusammenbrechen.

Für den kleinen „Rest“ der Welt ergibt sich freilich das Problem, dass hier Akteure am Werk sind, die sich von keinerlei Fakten beirren lassen, wenn diese nicht ins eigene Weltbild passen. Doch während es für die Akteure oft nur darum geht, in einer Sache „recht“ zu behalten, müssen die Bürger mit den Folgen des Lockdowns oder der Abwicklung ganzer „klimaschädlicher“ Industriezweige noch lange leben.paz