Der satirische Wochenrückblick

Illustration: Mohr

Der satirische Wochenrückblick

Querschläge

Wodurch das große Ziel immer wieder in Gefahr gerät, und wie wir mit den Störern fertig werden

Hans Heckel26.02.2021

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, sagt der Volksmund – und hat wie immer recht. Vergangene Woche haben wir uns noch zufrieden zurückgelehnt, weil wir uns dem ewigen Lockdown so herrlich nahe wähnten. Doch dann braute sich schon wieder eine ernste Gefahr zusammen: der Corona-Schnelltest für jedermann, am Schluss sogar zum Selbermachen. 

Minister Spahn wollte damit am kommenden Montag beginnen. Das hätte alles durcheinanderbringen können. Wenn jeder Hans und Franz in Windeseile testet und nachweist, dass er – weil virenfrei – niemanden anstecken kann, unter welchem Vorwand will man ihn dann noch an der Wiedererlangung seiner Freiheitsrechte hindern? Wieso sollten Restaurants, Museen, Theater, ja sogar Bars und Kneipen nicht sofort wieder öffnen dürfen, wenn der Vorweis der Virenfreiheit per Einlasskontrolle sichergestellt ist und somit da drin nichts mehr passieren kann in Sachen Ansteckung? 

Eben. Aus die Maus, hätte das geheißen, denn die Fortführung der Zwangsmaßnahmen wäre für alle Bürger als das zu erkennen gewesen, was sie sind: Schikane. 

Da konnte die Kanzlerin gerade noch rechtzeitig dazwischenfahren und ihren leichtfertigen Minister wieder einfangen. Der 1. März ist als Datum für den Beginn der großen Schnell- und Selbsttest-Offensive erst mal gestrichen. „Wenn man nicht alles selber macht!“, wird sich Merkel da entnervt gedacht haben. Fast hätte Spahn zusammen mit seinen Kollegen aus Frankreich, Italien und Holland ja auch für eine rasche Impfkampagne gesorgt, wenn die Kanzlerin das nicht in letzter Minute verhindert hätte, um die Sache dann ihrer Freundin Ursula zwecks Versenkung nach Brüssel zu überweisen. Mit dem Merkel-Machtwort zu den Schnelltests ist nun zumindest ein wenig Zeit gewonnen, um sich etwas einfallen zu lassen. 

Beispielsweise solch entzückende Kabinettstückchen, wie sie Merkel und ihr Kanzleramtsminister Helge Braun gerade aufgeführt haben. Die Amis nennen das „Good Cop, Bad Cop“, zu Deutsch: Guter Polizist, böser Polizist. Während ein Beamter den zu Verhörenden wild bedroht, macht der andere auf nett und verständnisvoll. Auf diese Weise durchgeschüttelt vom Wirbelsturm der wechselnden Gefühle macht der mutmaßliche Delinquent irgendwann alles, was die Polizisten von ihm wollen. 

Hier ging das so: Merkel spricht warmherzig und verständnisvoll von der Sehnsucht der Deutschen nach Lockerungen, woraufhin ihr eigener Haushofmeister sofort klarstellt, dass an solche Lockerungen „derzeit“ gar nicht zu denken sei, zack! Die Rollenverteilung ist nicht zufällig. Merkel feilt ja längst am Schlusskapitel für ihren Eintrag ins Geschichtsbuch. Dort will sie nett aussehen. Graue Typen wie Braun tauchen in solchen Büchern sowieso nicht auf. Da kann der ruhig den Miesepeter mimen. 

Trotz solch gediegener Inszenierungen hören die Querschläge nicht auf. Der Hamburger Professor Roland Wiesendanger hat eine Unzahl von Indizien zusammengetragen und kommt daraufhin zu dem Schluss, dass eine ganze Menge dafür spreche, dass das Virus aus einem Labor in Wuhan entwichen sei – und sich demnach nicht auf natürliche Weise ausgebreitet habe. 

Die Empörung über diese Analyse brach alle Dämme: „Krudes Zeug“, „krude Corona-Studie“, „toxisch“, „unwissenschaftlich“, ja, sogar schlicht „unwürdig“ sei Wiesendangers These, brüllten zahlreiche große Medien voller Wut im Chor. 

Meine Güte, dachte sich da der unvorbereitete Leser: Man muss die Einschätzung des Professors ja nicht teilen. Aber woher rührt bloß dieser maßlose emotionale Ausbruch? Auf welches Hühnerauge ist der Hamburger Gelehrte (vermutlich ohne es zu ahnen) denn getreten, dass die alle dermaßen aus der Haut fahren? 

Die Lösung des Rätsels ist verblüffend einfach: Wir hatten uns ja neulich über den „Great Reset“ unterhalten. Über Corona als Vorwand dafür, unser ganzes Leben umzukrempeln, genauer gesagt: einzuschränken, und zwar dauerhaft, für immer. Die Virologin Sandra Junglen hat dazu erst Anfang Februar in der „Zeit“ die steile These beigesteuert: „Wir wissen jetzt, dass die Corona-Pandemie, das Artensterben und auch der Klimawandel zusammenhängen.“ 

Corona ist also die Rache der Natur für unser klimasündiges Leben, das daher künftig ganz anders werden muss. So wie in Berlin, wo eine Initiative fordert, dass man nur noch zwölf Mal im Jahr Auto fahren darf. Wenn nun aber herauskommen sollte, dass es nicht „die Natur“ gewesen ist, die hier am Werke war, sondern bloß ein paar schlampige Labor-Mitarbeiter, fiele das ganze schöne Gebilde in sich zusammen. Der Schaden wäre kaum in Worte zu fassen. 

Übrigens ist das, was Wiesendanger vermutet, 2003 schon mal passiert. Damals entwich ein SARS-Virus aus einem chinesischen Labor, seinerzeit in Peking. Vor 18 Jahren wurde darüber auch noch offen berichtet. Aber damals wussten wir ja noch nicht, was man mit so einem Virus alles anfangen kann, wenn man die Leute glauben macht, es sei die gerechte Vergeltung der Natur für unser Lotterleben. Heute wissen wir das, weshalb die Wiesendangers dieser Welt mit aller Macht niedergetrampelt und als Verbreiter von „Fake News“ und „Verschwörungstheorien“ in die Hölle verbannt werden müssen. 

Schließlich gefährdet jemand, der eine andere Meinung vertritt als die der Regierung, ohnehin den „Zusammenhalt in der Gesellschaft“, weil er hetzt und spaltet. Wenn es nach den Grünen geht, bekommen wir nach der Wahl im September ein eigenes „Bundesministerium für Zusammenhalt“. Eine gewaltige Bürokratie aus lauter netten Grünen-Adepten, die unermüdlich die Landschaft absuchen sollen nach Störern dieses Zusammenhalts und die riesige, steuerfinanzierte Volksbildungsprogramme auflegen, die uns sagen, was wir zu sagen, zu denken und zu fühlen haben, damit wir den Zusammenhalt unterstützen. Und natürlich, wie wir dessen Feinde erkennen und ausschalten. 

Dazu müssten auch die Grundlagen definiert werden, auf denen der administrierte Zusammenhalt fußt. Wir benötigen also eine Einrichtung, die festlegt, was wahr ist und was Hass und Hetze, ein Wahrheitsministerium gewissermaßen. Robert Habeck hatte „1984″ schließlich gelesen, bevor er sein bemerkenswertes Vorwort zur Neuübersetzung des Klassikers (die PAZ berichtete) verfasst hat. Offensichtlich ist der Grünen-Chef voller interessanter Ideen aus der Lektüre des Orwell-Romans hervorgegangen. Die muss man jetzt nur noch umsetzen. 

Wenn wir das geschafft haben, wird es solche Zwischenfälle wie den mit dem Wiesendanger gar nicht mehr geben. Die richtigen Leute sind schon bei der Arbeit: Wie bekannt wurde, hat das Innenministerium sein Corona-Strategie-Papier von dem Sprachprüfer und Mao-Verehrer Otto Kölbl formulieren lassen. Wir sind dem großen Ziel viel näher, als wir es bislang zu hoffen wagten. paz